4. Die Verehrung des hl. Arnulfus in der Pfarrkirche zu Nickenich

Noch wenige Jahre vor dem Weltkriege war, besonders an den Kirmestagen, die Pfarrkirche zu Nickenich alljährlich das Ziel frommer Pilger. Ihr Besuch galt den in ihr bewahrten Reliquien des Kirchenpatrons, des hl. Bischofs Arnulf von Metz, dessen Fürbitte sie erflehten gegen Bißverletzungen durch wütende Hunde und Katzen sowie gegen Kopfübel jeder Art. Die Gläubigen setzten damit einen alten Brauch fort, der sich in seinen Anfängen bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen läßt.

Der hl. Arnulf war der Sproß eines fränkischen (austrasischen) Fürstengeschlechtes, das zu den Ahnen der Karolinger gehörte. Zuerst verheiratet und Vater zweier Söhne, wählte er später mit seiner Gemahlin den geistlichen Beruf und wurde 614 Bischof von Metz. In dieser Stellung war er der einflußreichste Berater des fränkischen Königs Dagobert I. (623-39), bis er sich 629 in die Einsamkeit des Klosters Remiremont zurückzog, um hier am 16. August des Jahres 641 sein Leben zu beschließen. In der Abtei St. Arnulf bei Metz fand er eine letzte Ruhestätte. (vgl. S. 11)

Wie es gekommen ist, daß der hl. Arnulfus an Stelle des hl. Maximin Patron der Pfarrkirche zu Nickenich geworden ist, läßt sich nur vermuten. Vielleicht ist es unter dem Einflüsse der Abtei Maria Laach geschehen. Die Abtei St. Arnulf bei Metz besaß nämlich früher (seit 875) Güter in Neef a. d. Mosel, die um 1139 an Kloster Laach übergingen, und in dem Neef benachbarten Orte Filer wurde der Heilige gleichfalls verehrt. Möglicherweise ist der Wechsel des Patronats durch den Laacher Abt Johann Winkelin von Nickenich (1328-33) veranlaßt worden. Wie dem auch sein mag, sicher ist, daß der hl. Arnulfus schon im Jahre 1354 zu Nidcenjch verehrt worden ist. Denn am 28. April 1354 verleihen 15 Bischöfe von Avignon aus den Gläubigen, welche die Reliquien des Heiligen zu Nickenich verehren, einen Ablaß von 40 Tagen. Im Jahre 1430 besteht schon die Arnulfusbruderschaft zu Nickenich und der Arnulfusaltar wird bald darauf (1440) erwähnt.

War schon das Grab des hl. Bischofs in Metz durch viele Wunderheilungen ausgezeichnet, so verstehen wir es, daß auch die in Nickenich befindlichen Reliquien des Heiligen sich hoher Verehrung erfreuten. Die dem Wunderglauben sehr ergebene Volksseele setzte ein größeres Vertrauen auf die Fürbitte des hl. Arnulfus als auf die Mittelchen, die man sonst gegen Hundsbiß empfahl und anwandte. So legte man z. B. um 1220 dem Gebissenen das noch warme Fleisch eines geschlachteten jungen Hundes aufs Haupt, um dadurch die Heilung herbeizuführen. Rezepte des 16 Jahrh. empfehlen Krebse mit Wein, Maiwürmer mit Bier, Johanniswürmer mit Bier und Butter gegen Tollwut. Noch zu Ende des 18. Jahrhunderts (1779) wird folgendes "tolle" Rezept gepriesen: Man nimmt nach dem Biß sobald als möglich einen Hering, schneidet denselben auseinander, legt die inwendige Seite auf die Wunde und gibt dem Verwundeten Ruß aus dem Schornstein, einen Dukaten schwer, alle 4-5 Stund. Erst wenige Jahrzehnte sind verflossen, seitdem der Forscher Pasteur durch ein aus dem Rückenmark eines tollwutkranken Kaninchens hergestelltes Serum ein wirksames Heilmittel gegen die Tollwut geschaffen hat.

Die Hauptgründe für die Ausdehnung der Arnulfusverehrung in Nickenich waren der Ruf der Wunderkraft der Reliquien und die Unterstützung des Kultus seitens der geistlichen Oberen durch Ablaßverleihungen und Stiftungen. Die ersten Nachrichten über den Ruf von Wunderheilun-gen zu Nickenich rühren aus dem 16. Jahrh. In den Andernacher Hospitalrechnungen fande sich folgende Notiz: "1594, Mai 14. seint des Hospitals Schweingen von einem wütenden Hundt beschädiget; dieselben uff Nickenich geschickt, daselbst zum Opfer geben 8 Albus". Dieser Wunderglaube muß im Erzstift weit verbreitet gewesen sein, sendet doch der Trierische Erzbischof Johann Hugo von Orsbeck im Jahre 1679 eigens zwei Jesuiten nach Nickenich, um die Tatsächlichkeit der Wunder zu untersuchen und die Echtheit der Reliquien zu prüfen. Das Ergebnis scheint günstig gewesen zu sein, denn der damalige Archidiakon von Trier, Heinrich Ferdinand von der Leyen zu Nickenich, schenkte kurz darauf der Kirche zur Förderung der Arnulfusverehrung eine kupferne, versilberte Arnulfusstatue, die noch heute vorhanden ist. Ebenso aufzufassen ist die 1683 erfolgte Stiftung eines feierlichen Hochamtes auf St. Arnulfustag durch den Trierer Weihbischof M. H. Burmann. Im Jahre 1754 wurde die Arnulfusverehrung zu Nickenich von Rom anerkannt. Auf Antrag des Pfarrers Matthias Haud aus Trier verlieh Papst Benedikt XIV. den Angehörigen der Arnulfusbruderschaft einen vollkommenen Ablaß sowohl am Tage ihrer Aufnahme wie in der Todesstunde.

Durch diese Unterstützung seitens der kirchlichen Oberen nahm die Verehrung des Heiligen immer weiteren Aufschwung. Geschlossene Prozessionen nach Nickenich kamen von Andernach am Donnerstag nach Weißen Sonntag, von Eich und Wassenach am 1. Mai, von Kruft in der Bittwoche. Solche aus anderen Orten dürften besonders um das Fest des hl. Bischofs selbst gekommen sein. Pfarrer Haud teilt mit, daß zu seiner Zeit jährlich in den Tagen vom 14.-18. August an 3000 Pilger zu den hl. Reliquien gewallfahrtet seien. Sie alle empfingen zu Nickenich die hl. Sakramente und opferten Gaben in Geld, Wachs und Getreide. Zur Aufnahme des letzteren war am Pfarrhause ein Bottich aufgestellt. Um den kirchlichen Funktionen während der Wallfahrtstage genügen zu können, zog der Pfarrer zur Aushilfe heran zwei Karmeliterpatres aus Tönisstein, zwei Franziskaner und einen Minoriten aus Andernach, zwei Benediktiner aus Maria Laach, endlich noch Weltgeistliche aus den Nachbarorten.

Die Feier selbst wurde mit einer Festpredigt am Tage zuvor eröffnet. Eine zweite fand am Tage selbst nach dem Gottesdienste statt, und zwar auf dem Friedhofe, da die damalige Kirche die Gläubigen nicht alle fassen konnte. Daran schloß sich eine Prozession durch den Ort, bei der ursprünglich Mädchen, später Knaben die oben erwähnte Arnulfusstatue trugen. Danach wurden die hl. Reliquien zur Verehrung ausgesetzt.

Die Feier des Patroziniums gestaltete sich dann zu einem regelrechten Volksfeste. Buden aller Art, vorwiegend natürlich solche mit Devotionalien, waren aufgestellt und erfreuten sich lebhaften Zuspruches. Größeren hatten vielleicht noch die Schankbuden der von der Leyenschen und von Bürresheimschen Hofleute (Schultheißen), die an diesen Tagen das alleinige Recht hatten, Wein Nickenicher Wachstums - er mag recht sauer gewesen sein - auszuschenken ("Bannzapf"). Schon im Jahre 1497 wird urkundlich berichtet, daß sich viele Andernacher "uff sant Arnolfs Tag uff Nickenicher Kirmes" befanden und sich bei verschiedenen "Halben" Weines sehr gut unterhielten. -

"Hauptweh, Dollsucht, Raserey Mache daß weit von uns sey, Arnulphe"

So lautete eine Strophe des Hymnus, den die Pilger zu Ehren des hi. Arnulfus sangen. In den Jahren 1753-72 sind über 300 Bißverletzte nach Nickenich gekommen, um Heilung zu erlangen, die ein von Pfarrer Haud angelegtes Verzeichnis alle namentlich aufzählt. Es waren Leute jeden Standes, die in den heutigen Regierungsbezirken Köln, Trier und Koblenz beheimatet waren. Für die Bißverletzten gab es genaue Vorschriften. Nachdem sie die hl. Sakramente empfangen hatten, wurden ihre Wunden gesegnet und dem Verletzten die Reliquienpartikel zum Kusse gereicht, dem Kopfleidenden eine Mitra (Bischofsmütze) aufs Haupt gesetzt. Außerdem waren alle Kranken zu einer Novene verpflichtet. Neun Tage lang mußten sie täglich neun Vaterunser, neun Ave Maria und fünfmal das Glaubensbekenntnis beten. Die Bißverletzten mußten täglich ihre Wunden auswaschen, alle während dieser Zeit etwas gesegnetes Brot, Salz und Wasser genießen. Bei Unterbrechung der NoVene war eine neue notwendig. Bei Kindern wurden diese Verpflichtungen von den Eltern übernommen. Zum Andenken an diese Wallfahrt erhielt jeder Pilger einen gedruckten Zettel mit dem kurzen Gebet: "Hl. Bischof Arnulfus, Bitt für uns, daß wir befreyet werden von Raserey. Dollsucht und Hauptweh" und dem Vermerk "Hat angerührt die hl. Reliquien in der Pfarrkirche zu Nickenich". Bei wutkrankem Vieh bestand die Vorschrift, daß gesegnetes Salz und Wasser ins Futter gemischt wurde. Durch die Fürbitte des hl. Arnulfus sollen in Nickenich eine Reihe von Wunderheilungen geschehen sein. Dankbriefe für erlangte Heilungen schreiben an den Pfarrer von Nickenich die Baronesse Maria Anna Kolb von Wassenach (1755), der Kaplan Faber von Kobern (1769) und der Bürger Hammerstein von Bernkastel (1767). Von Podagra erklärt sich für geheilt der Laacher Mönch Franz Wilhelm: der hl. Arnulf habe ihm dadurch das Halten der Festpredigt in Nickenich möglich gemacht (1773). Zwei Nickenicher Teilnehmer am siebenahrigen Kriege gegen Friedrich den Großen (1756-63) erklärten, ihr Überleben nur dem Schutz des hl. Arnulfus zu verdanken zu haben, dessen Schutz sie in den Schlachten deutlich empfunden hätten. Von zwei Jünglingen aus Bremm a. d. Mosel, die von einem tollen Hunde gebissen worden waren, ging der eine nach Nidcenich, der andere nach St. Hubert (i. d. Ardennen). Zurückgekehrt. tauschten sie ihre Gedanken aus und ersterer meinte, es sei ihm leid, nicht auch nach St. Hubert gegangen zu sein, zu Nickenich habe er kein Vertrauen. Er unterließ die Novene und starb bald (1758). Ahnliche falle werden erzählt von zwei Jünglingen aus Gevenich bei Alflen (Kr. Cochem) und zwei Männern, einem Katholiken und einem Protestanten, aus der Grafschaft Wied (1758 und 1765). Das Kloster St. Thomas bei Andernach pflegte jedes Jahr in Nickenich ein Sümmer Korn zu opfern. Als 1753 der Klostermüller die Lieferung vergaß, brachen zwei wütende Jagdhunde in die klösterlichen Herden ein und richteten großen Schaden an. Dem besonderen Schutze des hl. Arnulfus schreibt Pfarrer Haud es endlich zu, daß 1777 in Nickenich der Viehpest nur 157 Stück Vieh zum Opfer fielen, während in Namedy, Andernach, Weißenthurm, Kettig, Miesenheim und Plaidt fast die ganzen Bestände eingingen.

Kriegszeiten und ihre Folgeerscheinungen setzten der Verehrung des hl. Arnulfus zu Nickenich nicht wenig zu, aber nie verschwand sie ganz. Dank dem Eifer der Nickenicher Pfarrer, des Landdechanten J. Bernardi (1631-58), J. G. Pitzbach (1659-1701), Job. Sseffgen (1701-39) und M. Haud (1753-84), blühte sie immer wieder auf und besteht noch fort bis auf den heutigen Tag.

Noch heute herrscht zu Nickenich der Glaube, ein tollwütiger Hund könne den Gemeindebann nicht betreten, und in diesem Sinne berichtet eine Volkssage, ein solcher Hund der von Plaidt her auf den Ort zugelaufen kam, sei an der Grenze der Nickenicher Mark wie gebannt stehen geblieben, mehrmals unter furchtbarem Geheul in die Höhe gesprungen, um schließlich verendet zu Boden zu fallen.


 
Nickenich in der Pellenz, Seite 25 bis 28 Index Vorherige Seite Nächste Seite

Ein Bibelzitat: Uns, Herr, wirst du Frieden schaffen, denn auch alles, was wir ausrichten, das hast du füruns getan. [Jesaja 26, 12]




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