III. Ritterschaftlicher und geistlicher Grundbesitz zu Nickenich

1. Die Burg

Als einziger besonders bemerkenswerter Überrest des bedeutendsten einstigen Rittersitzes zu Nickenich erhebt sich mitten im Dorf das unter Denkmalschutz stehende "Burgtor". In seiner monumentalen Form aus Basaltlavasteinen von dem Mainzer Dompropst Baron Heinrich Ferdinand von der Leyen zu Nickenich im Jahre 1677 errichtet und mit dem Ehewappen seiner Eltern, Lothar Ferdinand v. d. Leyen und Maria Sophia Brömser von Rüdesheim, geschmückt, bildet es eine Zierde des Ortes. Einst war es der Eingang zu den Wirtschaftsgebäuden des Burgbezirkes. der sich zwischen der (1612 erstmalig bezeugten) "Galgengasse" und der sog. "Schießbahn", die einst wohl ein Übungsplatz für die ritterliche Jugend war, erstreckte. Die Burg selbst lag auf der oberen Hälfte der schon 1528 erwähnten "Burgstraße". Ein lückenloses Bild von ihr vermögen wir uns nicht zu machen. In der Mitte der Straße erhob sich noch im 19. Jahrh. ein hoher runder Turm. In seiner Nähe haben sich geräumige Keller erhalten; auch an eine bei dem Turm befindliche Zisterne wissen sich alte Einwohner noch zu erinnern. Auf der Höhe der Straße stand der Überlieferung nach inmitten eines kleinen Tannenhaines die Schloßkapelle, in der jedoch schon im 18. Jahrh. keine Messe mehr gelesen wurde, wie ein kirchlicher Visitationsbericht vom Jahre 1758 besagt. In der Nähe der Kapelle werden wir die eigentlichen Wohnräume des Burgherren bezw. seines Verwalters ("villicus" oder "scultetus") zu suchen haben. Von der Kapelle führte ein Pfad über die Höhe bis zu dem am unteren Ende der "Bachgasse" im "Oberdorf" befindlichen Junkerhaus, das angeblich den unverheirateten Söhnen des Burgherren (Junker - junger Herr) als Wohnung diente. Wahrscheinlich wird diese Überlieferung durch die dort geltende Bezeichnung "Porteshaus", das nur als Pfortenhaus zu deuten ist. Große terrassenförmig angelegte Burggarten reichten links von der Burgstraße bis zur Galgengasse. Mit Wasser wurde die Burg von der Gemeindebrunnenstube aus versorgt.

Über die Anfänge der Burg haben wir keine Nachrichten, da die urkundliche Überlieferung über sie erst zu Ende des 14. Jahrh. einsetzt. Im Jahre 1369 wird sie erstmalig von Kurköln verlehnt. Wie Kurköln in den Besitz des Burggutes gekommen ist, bleibt uns verborgen. Die Möglichkeit besteht, daß der Kölner Kurfürst es von der Familie von Are ererbt hat (vgl. S. 15).

Als erste Lehensinhaber des Burggutes zu Nickenich begegnen uns die Ritter Meinfelder. Dieses Geschlecht, das in Andernach 1219 vorkommt, teilte sich um 1300 in drei Linien, die sich nach ihrem Besitze als Meinfelder von Andernach, Ehrenbreitstein und Nickenich bezeichneten. In Nickenich kommen die Brüder Heinrich, Theoderich und Theoderich der Jüngere zuerst im Jahre 1295 vor. Damals verzichteten sie zu Gunsten des Trierischen Erzbischofs Boëmund auf ihren Patronatsrechtsanteil an der Pfarrkirche zu Nickenich. Richard Meinfelder wird im Jahre 1369 (70) von dem Trierischen Erzbischofe Kuno von Falkenstein, der damals das Kölner Erzstift mitverwaltete, mit dem Hofe (lateinisch curtis oder castrum) zu Nickenich belehnt. Damals umfaßte das Lehensgut 93 Morgen Ackerland, 1 Morgen Wingert, 3 Morgen Wiesen, 20 Morgen Wald und eine "Edelmärkerschaft" im Nickenicher Walde. Dazu kamen noch an Zinseinkünften 4 kölnische Gulden, 9 Malter Korn, 20 Sester Öl sowie Hühner- und Wachslieferungen. Im Besitze der Ritter Meinfelder, nach denen die Burg den Namen - Meinfelderhaus - annahm, blieb das Lehen bis 1467. 1387 ist das Lehen in Händen des Ritters Theoderich Meinfelder, eines Sohnes Richards. Theoderichs Sohn Richard ist 1403 Inhaber der Burg; er trug auch das Dorf Wollmerath (Kr. Kodiem) als Lehen von den Grafen zu Wied. Zusammen mit seiner Gemahlin Adelheid von Arras, durch die er Herr dieser bei Alf a. d. Mosel gelegenen Burg wurde, stiftete er 1428 in der Abtei Maria Laach sein Erbbegräbnis und ist bald darauf gestorben. Ihr Sohn Wilhelm, der mit Grete von Bell vermählt war, wurde 1429 von Kurköln mit der Burg zu Nickenich, 1430 von Wied mit Wollmerath und im selben Jahre auch mit einem Hofanteile zu Wassenach von den Virneburger Grafen belehnt. 1457 nahm er noch den "Kaldenborner Hof" zu Thür von Virneburg zu Lehen. Die Burg selbst hatte Wilhelm schon 1430 bezw. 1433 mit seinen Geschwistern teilen müssen. Mit Wilhelms Bruder Richard scheint das Geschlecht im Mannesstamme erloschen zu sein. Einzige Erbberechtigte war Adelheid Meinfelder. Durch ihre Vermählung mit Heinrich von Sötern erwirbt sie die Burg, die seit 1467 vorübergehend an Eberhard von Reimichingen verlehnt war, im Jahre 1481.

Heinrich von Sötern (Hochwald) und Adelheid Meinfelder sind zu Anfang des 16. Jahrhunderts gestorben, nachdem sie im Jahre 1500 ihr Jahrgedächtnis auf dem St. Anna-Altar der Nickenicher Pfarrkirche stiftet hatten. Beider Sohn Friedrich von Sötern wird 1503 mit drei Vierteln der Burg belehnt; der vierte Teil kam an die Ritter Gramann von Nickenich. Diese bezw. ihre Erben, die Ritter von Ensehringen, blieben im Besitze des Drittels bis 1603. Friedrich von Sötern war vermählt mit Elisabeth Schilling von Lahnstein. Mit deren Einverständnis verkaufte er 1507 die Nickenicher Mühle in Kretz an Georg von der Leyen und ist vor 1518 gestorben.

Seit 1518 ist nun die Burg in Händen der Ritter Schilling von Lahnstein. Seitdem führte sie die Bezeichnung - Schillingsburg. Johann Schilling wurde 1518 für seine Tochter Elisabeth, die Gemahlin Friedrichs von Sötern, 1521 für sich und seine Nachkommen mit drei Vierteln des Burggutes belehnt. Durch den Erwerb der Burg wurden Schilling veranlaßt, sich in Andernach niederzulassen, wo sie von nun oft im Besitze städtischer Ehrenstellen, als Ratsherren usw., vorkommen. Auf Johann Schilling folgte im Besitze der Burg sein Bruder Konrad Jahre 1528, diesem 1540 Daniel Schilling. Des letzteren Sohn Gerlach Amtmann in Coblenz, wird 1550 belehnt. 1561 muß er jedoch das Lehen mit seinen Vettern Daniel und Werner, den Söhnen Konrads, teilen. 1572 ist Werner Schilling alleiniger Lehensträger. Er starb am 5. Dezember 1597 und wurde in der Pfarrkirche zu Nickenich beerdigt. Nach Ausweis seiner Grabinschrift war er zugleich Amtmann in Ehrenbreitstein. Werner hinterließ drei Söhne, deren ältester, Johann Konrad, 1603 für sich und seine jüngeren Brüder, Johann Daniel und Werner, von Kurköln belehnt wurde. Mit Johann Konrad, der, seine Brüder überlebend, 1608 als Johanniterritter zu Rom starb, erlosch der Schillingsche Mannesstamm. Der Mutter des Johann Konrad, Amalie von Staffel, Werners Gemahlin, bewilligte der Erzbischof die Nutznießung des Lehens, aber schon 1610 belehnte er damit den Ritter Georg von der Leyen zu Saffig, der die Tochter Werners und Amaliens, Katharina Schilling, zur Gemahlin hatte und der schon 1603 durch den Kauf von den Enschringen in den Besitz des 1518 losgetrennten vierten Viertels gelangt war. Der Name Schillingsburg erhielt sich auch weiterhin eine Zeitlang, bis der erste Bestandteil des Wortes sich allmählich verlor. Anmerkungsweise mag hier mitgeteilt werden, daß außer dem genannten Werner Schilling auch der Junker Adolf Schilling von Lahnstein, Kurtrierischer Rat und Anitmann zu Münstermaifeld und Kobern, in der Nickenicher Kirche seine letzte Ruhestätte gefunden hat († 11. Febr 1582) und daß noch heute die Bezeichnung "Schillingswäldchen" an die Familie erinnert.

Von nun an blieb die Burg im Besitze des Familienzweiges der von der Leyen zu Nickenich bis zum Jahre 1708. Damals übertrug Heinrich Ferdinand von der Leyen das Gut seinem Neffen Ferdinand Damian von Breitbach-Bürresheim, dem Sohne seiner Schwester Maria Margaretha von der Leyen und Georg Reinhards von Breitbach-Bürresheim. Ferdinand Damian wurde 1712 und 1725 mit der Burg belehnt und behauptete sich nach langwierigem Prozesse mit der Familie von der Leyen in dem Besitze, bis er am 5. Mai 1747 als Trierischer und Kölnischer Geheimrat und Amtmann zu Zell in Koblenz starb. Seine Lehensnachfolger zu Nickenich waren Friedrich Franz von Breitbach-Bürresheim († 24. II. 1770) und dessen Bruder Franz Ludwig, der als letzter des Geschlechtes 1796 starb. Zwei jüngere Brüder waren Emmerich Josef, Erzbischof von Mainz, und Karl, Dompropst daselbst. Der Schenkung einer Maria Sophia von Breithach-Bürresheim, geb. von Warsberg († 4. III. 1771), verdankt die Pfarrkirche zu Nickenich ein violettes Meßgewand (1771).

b) Das Weiherhoflehen

Der noch heute sog. Weiherhof zu Nickenich, der zweite Kurkölnische Lehnhof in unserer Heimat, hat für die Ortsgeschichte besondere Bedeutung, weil sich in seinen Besitz ursprünglich zwei bodenständige Rittergeschlechter des Ortes, und zwar die Ritter von (dem Weiher zu) Nickenich und die Ritter Gramann, geteilt haben. Der Hof selbst war ein festes Kastell, das inmitten eines Weihers (lateinisch piscina oder vivarium) im Ortsbezirk in der Wiese lag. Hatten sich die beiden Familien anfangs in das Haus geteilt, so wurde um 1400 ein zweites "Haus auf dem Weiher" erbaut. Das neue oder vorderste Haus (vielleicht das heutige Amdams'sche Anwesen) wurde der Sitz der Ritter v. d. Weiher zu Nickeich, das alte oder hinterste Haus bewohnte die Familie Gramann, nach der es Gramannshaus genannt wurde.

1. Der Weiherhof

Engelbert von Nickenich wurde 1376 als erster mit dem Weiherhofe und dem zugehörigen Gute (20 Morgen Acker, 3 Vierteln Weinberg und einer "Märkerschaft" im Nickenicher Walde) belehnt. 1394 ist das Anwesen unter Engelbert, Johann und Winrich von Nickenich gedrittelt. Doch vereinigte 1397 Engelbert wieder den ganzen Besitz und erbaute das sog. vorderste Haus, das er 1417 seiner Gemahlin Else zur Nutznießung überwies. Beider Sohn gleichen Namens wurde 1425 und 1432 damit belehnt. Als dessen Gemahlin wird Else Specks genannt. Beide Eheleute machen 1430 eine Stiftung zugunsten der St. Arnulfusbruderschaft zu Nickenich mit Gütern in Kruft, Kretz, Kärlich, Bassenheim und Nickenich. Else stiftet 1440 nach dem Tode ihres Mannes 2 Wochenmessen auf dem Arnulfusaltar der Pfarrkirche. 1451 wird noch ein Engelbert, Herr zu Nickenich, genannt; ob er auf dem Weiherhofe saß, ist nicht festzu- stellen.

Im Jahre 1484 ist der Hof im Besitze des Ritters Wilhelm von Helfenstein (einstige Burg bei Ehrenbreitstein); er hatte ihn 1482 von dem Ritter Johann Mant von Limbach erworben. Wilhelm verkaufte seine Rechte 1502 an Ritter Friedrich von Sötern (Hochwald). Von ihm erwarb 1512 Ritter Johann Gramann von Nickenich, der Inhaber des alten Hauses im Weiher, das Gut um 600 Goldgulden; er vereinigte also wieder beide Lehensteile. Nach Johanns Tode (1518) blieb seine Gemahlin Anna Irmtraut zu Vallendar bis zu ihrem Ableben (2. Februar 1552) im Genusse des Gutes. Ihr folgte im Besitze des Weiherhofes ihr zweiter Gemahl Peter von Kaldenborn, während das Gramannshaus andern zufiel. 1572 empfingen die Ritter Wilhelm und Philipp Irmtraut zu Vallendar und ihr Schwager Philipp Schönholz von Albrechtsrod zu Kettig Belehnung mit dem Weiherhause. Maria, Philipps Schönholz Gemahlin, und folgend ihr Bruder und Neffe blieben im Besitze des Lehengutes bis 1607. Langwierige Streitigkeiten mit den Gramannschen Erben, die Ansprüche auf den Weiherhof erhoben, führten jedoch später dazu, daß das Lehen an den Kurtrierischen Hofgerichtsdirektor Dr. Johann Buschmann zu Koblenz verkauft wurde. Dessen Sohn Johann Dietrich, der Manderscheid'scher Amtmann in Gerolstein war, überließ 1701 dem Johann Radermacher, Rentmeister zu Burgbrohl. Von ihm erkaufte es im Jahre 1717 der Freiherr Ferdinand Damian von Breitbach-Bürresheim um 2000 Taler. Da dieser seit 1714 auch im Besitze des Gramannhofes war, waren also beide Lehensteile abermals vereinigt, und diese Vereinigung blieb bis zur Franzosenzeit bestehen.

2. Das Gramannshaus

Zum Gramannshause, mit dem erstmalig Ritter Heinrich Gramann belehnt wurde, gehörten 8 Morgen Acker, etwas Wingert und ein Markrechtsanteil. Vorübergehend an Konrad Dameler verlehnt, ist es 1416 in der Hand von Bruno Gramann, Heinrichs Sohn. 1421 wird das Gut von Stephan von Kern (Moselkern?), dem Vater Adelheids von Kern, der Witwe Brunos, verwaltet. Damals gehört auch ein Gramannshof, der in der Kirchstraße lag, mit 16 Morgen Ackerland und einem Markrechtanteil zum Grammann'schen Gut. Im Besitze des Lehens folgen dann Brunos Sohn Richard II. (1432), dessen Sohn Richard Ill. (1465), und des letzteren zweitgeborener Sohn Johann (seit 1484). Dieser erwarb, vie oben gesagt, auch das Weiherhaus (1512). Während dies nach Johanns Tode in Händen seiner Witwe Anna von Irmtraut blieb, wurde der Gramannshof mit sonstigen Gütern in Nidtenich, Andernach (ein Haus der Gramann am heutigen Merovingerpiatz ist 1495 erwähnt) und Dattenberg unter Johanns Erben mütterlicherseits, die Familien von Enschringen, von Muhl zu Ulmen in Gondorf, (Schützt von Holzhausen zu Pannau) und von Eltz-Kempenich geteilt. Das Drittel der Eltz-Kempenich blieb im Besitze der Familie bis etwa 1667, da es Johann Jakob von Eltz, (Sohn des ersten Inhabers Anton Eltz, Trierischen Marschalls, und der Amalie von Metternich), testamentarisch dem Edelmann Ferdinand Waldbott von Bassenheim vermachte. Letzterer wurde 1667 damit belehnt, verkaufte es aber schon im selben Jahre an den Baron Lothar Ferdinand von der Leyen zu Nickenich, dessen Vater Georg von der Leyen zu Saffig 1603 auch den Enschringen'schen Anteil erworben hatte, um 2000 Gulden. Ob das Muhl'sche Drittel bei dieser Familie geblieben ist, erscheint fraglich. 1671 wird Heinrich Ferdinand von der Leyen zu Nickenich. Dompropst in Mainz, mit dem Gramannshofe belehnt. Dessen Erbe Ferdinand Damian von Breisbach-Bürresheim behauptete sich nach langwierigem, bis 1747 dauerndem Prozesse im Besitze des Lebens und vererbte es seinen Nachfolgern.


 
Nickenich in der Pellenz, Seite 34 bis 39 Index Vorherige Seite Nächste Seite

Ein Bibelzitat: Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade. [Hebräer 13, 9]




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