2. Die Ritter von (dem Weiher zu) Nickenich

Unter den zahlreichen Adelsgeschlechtern, die sich zu Nickenich im Laufe der Jahrhunderte feststellen lassen, verdient die Familie der Ritter von Nickenich oder, wie sie sich später nannten, von dem Weiher zu Nickenich besonderes Interesse. Dies ist schon aus dem Grunde der Fall, weil dieses bodenständige Geschlecht sich über den gegenüber anderen Adelsfamilien unserer Gegend langen Zeitraum von 450 Jahren verfolgen läßt. Dann verdient es aber auch besondere Hervorhebung, weil es sehr wahrscheinlich ursprünglich ein sog. "edelfreies" Geschlecht war und nicht, wie die meisten anderen Adelsfamilien der Pellenz, dem Ministerialadel angehörte, also aus dem Stande der Unfreien hervorgegangen ist.

Daß die Ritter von Nickenich und dem Weiher von Nickenich eines Stammes waren, steht außer Zweifel. Einerseits wird nämlich ein und dieselbe Person als Ritter von Nickenich, bald als Ritter von dem Weiher zu Nickenich bezeichnet, andererseits wird die lamilieneinheit durch die Wappengleichheit erwiesen. Die Erweiterung des Namens erfolgte erst um 1400, nachdem die Ritter von Nickenich mit dem Weiherhofe daselbst belehnt worden waren. Neben dem Adeisgeschlechte erscheint um 1400 in Köln auch ein Patriziergeschlecht, das sich "von Nickenich" nennt. Ein Zusammenhang dieser beiden Familien untereinander ist nicht festzustellen.

Das Wappen der Familie hat sich außer auf Siegeln noch auf zwei Grabsteinen erhalten, und zwar auf dem des Ritters Adam Kolb von Wassenach († 1519) in der dortigen Pfarrkirche und auf dem des Kurtrierisdien Amtmannes zu Schöneck, Johann von Schönberg († 1540), in der Stiftskirche zu Kyllburg. Beide Ritter waren mit der Familie verwandt. Das Wappenbild zeigt auf silbernem Grunde drei nebeneinander gereihte rote Rauten (1); die Helmzier bildet ein springender schwarzer Bock. Einen Unterschied davon weist das Siegelwappen des in Virneburger Diensten stehenden Ritters Krafft von Nickenich insofern auf, als sich zwischen der ersten und zweiten Raute eine Lilie erhebt (vgl. Buchumschlag).

Als Stammvater des Geschlechtes können wir Moritz von Nickenich betrachten, der 1163 in einer Urkunde der Propstei Buchholz (bei Burgbrohl) als Zeuge vorkommt. Er war bereits in Andernach begütert, wie auch 1245 ein den Rittern von Nickenich gehöriges Haus "auf dem alten Markte" zu Andernach erwähnt ist. Ein Theoderich von Nickenich ist 1204 als Trierisdier Ministerial in einer Urkunde des Trierischen Erzbischofs Theoderich genannt. Wenn nun auch die Ministerialen in der Regel Unfreie waren, so haben wir doch ein gutes Recht, die Ritter von Nickenich als ursprüngliche Edelfreie zu bezeichnen, die später aus irgend einem Grunde (Verarmung der Familie infolge von Güterteilungen der Geschwister untereinander oder unebenbürtige Ehe eines Freien, in welchem Falle die Kinder unfrei wurden) zum Ministerialadel übertraten. Denn der Edelfreie Hermann von Nickenich, der 1226 mit Einverständnis seiner Schwester, die Abtissin von St. Maria im Kapitol zu Köln war, dem Nonnenkloster St. Thomas bei Andernach 50 Morgen Wald schenkte, nennt sich in der Schenkungsurkunde "Mann von angeborener Freiheit von der ersten Abstammung seiner Eltern an". Hermann ist also wohl der einzig überlebende Sproß der ursprünglich edelfreien Familie von Nickenich, deren eine zweite Linie bereits im 12. Jahrhundert ihren Charakter als edelfreie verloren hatte.

Im 13. Jahrhundert werden uns die Ritter Hermann von Nickenich und (vielleicht dessen Söhne) Hellwich und Meinward genannt. Weiterhin kommt Simon von Nickenich 1253 vor; im Jahre 1289 stirbt der Ritter Ludwig von Nickenich als Stiftsherr von St. Kastor in Koblenz.

Im 14. Jahrhundert werden urkundlich die Gebrüder Johannes und Siegfried von Nickenich erwähnt. Von diesen ist Siegfried als Stifter der sogenannten Michaelskapelle oder Frühmesse bekannt. Johannes war mit Adelheid von Dienstburg vermählt und ist vor 1365 gestorben. Zu Ende des 14. Jahrh. begegnet der schon oben erwähnte Ritter Krafft von Nickenich als Lehensmann der Grafen von Virneburg. Er ist Inhaber der Virneburgischen Burg Monreal (1393) und gleichzeitig mit Gütern in Mertloch belehnt, die er jedoch um 1432 verpfändet hatte. Später hat er den Virneburger Dienst quittiert, scheint auf Reisen gegangen und von einer Seuche ergriffen worden zu sein; denn in einem undatierten Briefe bittet der Graf Rupprecht von Virneburg die Stadt Köln um Untersuchung seines "früheren Dieners" Krafft von Nickenich, der einmal als seuchenfrei befunden, von Kölner Ärzten wieder für unrein erklärt worden sein, um zum Schluß in Speier abermals für seuchenfrei erkannt zu werden. - Im Dienste der Stadt Köln scheint ein Johann von Nickenich gestanden zu haben, der im Verlaufe einer Fehde in die Gefangenschaft des Herzogs von Kleve geriet und um dessen Freilassung der Kölner Magristrat den Herzog bittet (1427). Wir wissen nicht, ober dieser Johann Ritter von Nickenich war oder dem Kölner Patriziergeschlecht angehörte. Dasselbe gilt für Arnold von Nickenich, der 1450 an der Kölner Universität dem Studium der freien Künste oblag.

Als Söhne der obengenannten Eheleute Johannes und Adelheid werden Johannes und Richard genannt. Der erstere war vielleicht 1411 Ratsherr in Andernach; Richard und seine Gemahlin Jutta kommen 1381 vor.

Gegen Ende des 14. Jahrh. sind die Ritter von Nickenich zum Teil in den Dienst der kölnischen Erzbischöfe getreten. Engelbert von Nickenich wurde 1376 vom Erzbischof von Köln mit dem Weiherhofe zu Nickenich belehnt. Dieses Lehen blieb sicher bis 1440 im Besitze der Familie, um dann in andere Hände überzugehen.

Zu Anfang des 15. Jahrh. erscheinen die Ritter von Nickenich wieder in trierischen Diensten. Am 20. Dez. 1414 belehnt Erzbischof Werner von Trier den Ritter Hermann von dem Weiher zu Nickenich mit Gütern in Pommern an der Mosel. Hermann muß sich dabei verpflichten, einen "gemauerten Stock" zu einem Wohnhause auszubauen; es ist dies wahrscheinlich das noch heute stehende burgähnliche Gebäude in Pommern. Am 4. August wird Hermann abermals mit Ländereien in den Orten Kail und Briedern bei Pommern belehnt.

Um dieselbe Zeit begegnen uns mehrere Ritter von (dem Weiher zu) Nickenich als Amtsleute der Trierer Kurfürsten. Die erzbischöflichen Amtsleute hatten als Beamte die Rechte ihres Herrn wahrzunehmen. Zu ihren Obliegenheiten gehörten u. a. die Verteidigung der Burg, auf der sie saßen, die Verwaltung des Gebietes (Steuererhebung) und die Ausübung der Gerichtsbarkeit. Im Falle militärischer Unternehmungen ihres Herren mußten sie mit einem bestimmten Aufgebote zu dessen Heerbann stoßen. Für ihre Dienstleistung erhielten sie ein ziemlich beträchtliches Einkommen; ein Beispiel dafür werden wir noch kennen lernen.

Um 1420 soll Hermann von dem Weiher Amtmann und Burgseß in Kochern gewesen sein. 1420 schließt ein Hermann von Nickenich (!) mit Erzbischof Otto von Trier einen Vertrag wegen Übernahme der Grimburg im Hochwalde. 1435 am 3. Mai befiehlt Erzbischof Ulrich von Trier der Stadt Koblenz, 12 wohlgerüstete Reiter unter dem Befehle seines Amtmannes Hermann von Nickenich nach Kamp zu senden. Mehrere Jahre hindurch ist Hermann v. d. W. z. N. als Amtmann zu Wittlich bezeugt (1436-46); es ist derselbe, der 1420 das Amt Grimburg übernahm. Am 28. April 1447 verschreibt der Erzbischof Jakob ihm für eine Schuld von 1200 Gulden die Stadt Kaisersesch mit den zugehörigen Dörfern "amts- und pfandweise", ernennt ihn also zum Verwalter dieses um 1419 eingerichteten Amtes. Die fragliche Schuld wird erst 1586 seitens der Trierischen Erzbischöfe getilgt. Im Jahre 1490 wird ein anderer Hermann von Nickenich zum Trierischen Amtmanne in Kochern und Ulmen ernannt. Die Bestallungsurkunde setzt sein Gehalt wie folgt fest: Er erhält jährlich 7 Gulden, 10 Albus, 3 Heller, 8 Maker Korn, 6 Maker Hafer, 7 Hühner (Wert!), 4 Gänse, 4 Kapaunen, 25 3/4 Pfund Wachs, den Zehnten aus den zur Burg gehörigen Ländereien, Heu für 24 Pferde, dazu aus der erzbischöflichen Kellerei Kochern 2 Fuder 1 Ohm Wein. 25 Maker Korn, 50 Maker Hafer und den zehnten Teil aller Gerichtseinkünfte. Im Jahre 1497 ist Hermann v. d. W. z. N., Amtmann zu Kochern, im Heere des Erzbischofes bei Boppard und fungiert anläßlich der "Urfehde" der Stadt zusammen mit Anton (Thönis) von Nidenich als "win- und broitgeber" des Erzbischofes, also als eine Art Trudneß. Hermanns Gemahlin war Maria von Burscheid, eine Tochter Johanns von Burscheid und der Katharina von Cröv (Kr. Wittlich). Aus deren Erbe erwarb er u. a. die Hälfte der Burg Burscheid. Hatte er das Amt Kochern 1499 aufgegeben, so wurde er noch in der Folgezeit außer von Trier auch von den Herren zu Isenburg mit Gütern in Ediger und Ellenz belehnt.

Hermann ist vor 1518 gestorben. Männliche Nachkommen hat er nicht gehabt, wie wir aus der Urkunde des Trierischen Erzbischofs vom 27. Oktober 1488 schließen können, durch die er ihm beim Fehlen männlicher Erben Lehensübertragung auf seine Töchter zusicherte. Hermanns älteste Tochter, Margaretha (oder Maria), heiratete 1496 den Ritter Dietrich von Metternich zu Zievel. Die zweite, Elisabeth (oder Luzia), war die Gemahlin des Ritters Johann von Schönberg, der am 12. Sept. 1540 als Amtmann zu Kyllburg und Schöneck starb und in der Stiftskirche zu Kyllburg beerdigt wurde. Dietrich von Metternich war 1497 Amtmann zu Weilburg. 1521 werden die beiden Schwiegersöhne Hermanns von dem Grafen Philipp von Virneburg und Neuenahr, Herrn zu Saffenburg und Sombreff, wegen ihrer Frauen mit dem Zehnten in Dockweiler-I)reis (Kr. Daun) und mit dem Patronatsrechte über die dortige Kirche belehnt.

Noch eine ganze Reihe der Ritter von (dem Weiher zu) Nickenich wird im 15. und 16. Jahrh. erwähnt, auf die näher einzugehen an dieser Stelle kein Raum ist. 1483 und 1510 wird ein Anton von Nickenich von KurTrier mit einem Viertel der Gerichtsbarkeit in Hambuch (Kr. Kochern) belehnt. 1510 erhielten die Brüder Peter, Anton und Hermann von dem Weiher zu Nickenich von dem Kölner (!) Erzbischofe für 5000 Goldgulden pfandweise, das sog. "Nettegut" bei Andernach, das bis 1546 in ihrer Hand blieb. Peter und Anton waren beide Deutschordensritter, und zwar Komture (Vorsteher) der Ordenballei Köln (1546 und 48). Hermann heiratete 1546 Christine von der Leyen, die Tochter Bertholds und der Katharina Pallant. Deren Tochter Elisabeth von dem Weiher z. N. heiratete 1582 den Ritter Hilger von Staffel, der jedoch schon 1588 starb.

Elisabeth wurde noch 1589 mit dem Gerichtsanteil in Hambuch belehnt und starb 1610. 1540 weilte ein Ritter Georg von Nickenich auf Burg Thannnstein in den Vogesen am Sterbelager des Trierischen Erzbischofs Johann von Metzenhausen; er scheint also das Vertrauen seines Herrn in hohem Maße besessen zu haben. 1528 kommt noch ein Johann von d. W. z. N. als Amtmann in Kaisersesch vor, der also sicher ein Nachkomme des 1447 mit diesem Amte belehnten Hermann ist, ebenso wie Hermann, der Gemahl der Christine von der Leyen, die 1586 nach dem Tode ihres Mannes über die Auslösung des Amtes Kaisersesch seitens Kurtrier quittiert.

Die Ausführungen über das Nickenicher Adelsgeschlecht, das an anderer Stelle (Heimatblätter, Beilage zur Andernacher Volkszeitung, Nr. 1-3, 192415) eingehend behandelt worden ist, mögen mit der Anführung einiger geistlicher Sprossen der Familie beschlossen werden. 1440 wird ein Johann von dem Weiher zu Nickenich auf besondere Veranlassung des Erzbischofes Stiftsherr von St. Simeon in Trier. 1506 starb eine Sophie von Nickenich als Abtissin des Augussinerinnenklosters Stuben (bei Bremm a. d. Mosel). Mit Anna von dem Weiher zu Nickenich, die 1616 als Abtissin des adeligen Benediktinerstiftes Oberwerth bei Koblenz starb und das Amt seit 1578 innegehabt hatte, ist das Geschlecht der Ritter von dem Weiher zu Nickenich erloschen.

(1) Das Wappen der Ritter v. Braunsberg (bei Neuwied) zeigt umgekehrt in rotem Felde drei silberne Rauten (Wegeler).


 
Nickenich in der Pellenz, Seite 39 bis 43 Index Vorherige Seite Nächste Seite

Ein Bibelzitat: Ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe. [1.Korinther 6, 20]




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