Eine Welt ohne Gott

(Auszug)

Ein großer Ernst breitete sich vom Juni an über Block 26. Mehr und mehr erkannten wir die Absichten der Lagerleitung und des Reichssicherheitshauptamtes Berlin: das Lager und insbesondere die Geistlichen sollten dem Hungertod überantwortet werden.

Was war für uns Priester natürlicher, als dass wir in tiefster Not noch engeren Anschluss an den Heiland suchten und Kapelle und Tabernakel noch lieber gewannen. Aber schon tauchten im Mai neue Gerüchte auf: die Lagerleitung wolle uns auch den Gottesdienst streichen. Pfarrer Johann Schulz von der Trierer Diözese verfasste ein himmelstürmendes Gebet, das wir täglich nach der hl. Messe verrichteten. Im Mai war die Lage äußerst kritisch. Zum Glück drangen die Feinde unseres Gottesdienstes in Berlin nicht durch. Wir behielten unsere Kapelle, durften weiterhin unseren Gottesdienst feiern.

Freilich wurde uns nur eine kurze Zeitspanne dafür zugemessen. Nur zwanzig Minuten standen uns zur Verfügung. Eine Bitte an die Lagerleitung, dass wir uns eine halbe Stunde früher vom Schlafe erheben dürften, wurde abgewiesen. Es blieb nichts anderes übrig, als die hl. Messe zu kürzen. Wir beschnitten die Vormesse soweit als nötig und möglich. Wir ersparten uns das Austeilen der hl. Kommunion. Waren wir doch alle Priester. Wenn auch unsere Hände von der harten Arbeit Risse und Schrunden zeigten, sie waren doch geweiht.

So nahm jeder aus einem an der Türe aufgestellten Teller eine unkonsekrierte Hostie, hielt sie während der hl. Messe vor sich hin. Bei der hl. Wandlung konsekrierte der Priester vom Altar aus alle Hostien mit, die auf den Händen der Priester lagen, und bei der hl. Kommunion war es wie im Abendmahlsaale: jeder der Kommunizierenden reichte sich selber das Brot des Lebens. Es war gewiss ein ergreifender Anblick. Wir empfingen die hl. Kommunion täglich als Wegzehrung. Wer konnte wissen, ob er den Abend noch erlebte?

An den Sonntagen durften wir den Gottesdienst noch wie bisher feiern. Viele freilich waren schon so entkräftet, dass sie nicht mehr stehen oder knien konnten. Sie saßen auf dem Boden, lehnten sich an die Wand und beteten um Kraft und Rettung aus schwerer Not. Von den Predigern waren uns die am liebsten, die ein paar Worte des Trostes für uns wussten. In aller Herzen wird das Andenken an Pfarrer Schulz bleiben, der es so gut verstand, uns zu trösten. Dankbar schüttelten wir ihm nach dem Gottesdienst die Hand. Er starb ebenfalls des Hungertodes. Den Tod nahm Pfarrer Schulz auf sich, damit seine Gemeinde gerettet werde für die Ewigkeit.

Heilige Schrift und Brevier wurden noch mehr unsere Lieblingsbücher. Ja, die hl. Evangelien waren wirklich Trostesquellen ersten Ranges. Wir spürten, dass der Heiland gekommen war, den Armen die frohe Botschaft zu künden. Wir freuten uns ob seiner besonderen Liebe zu den Armen, den Kranken, den Unglücklichen, den Ausgestoßenen. In ihnen erblickten wir uns selber und fassten grenzenloses Vertrauen zum Heiland als zu unserem besten und mächtigsten Freund. Er würde uns schon helfen.

Sicher erhörte Gott unser aller Gebet. Aber nicht, wie wir es wollten, sondern nach den Plänen seiner Vorsehung. Wir waren damals etwa zweihundert Geistliche auf Block 26, hundertachtzig katholische, zwanzig evangelische. Etwa siebzig von ihnen ließ Gott sterben, tatsächlich des Hungertodes sterben, trotz der heißen Gebete. Mit ihnen plante er offenbar Größeres. Sie sollten dem zwanzigsten Jahrhundert als neue Märtyrer geschenkt werden. Ohne dem Urteil der Kirche vorgreifen zu wollen, glaube ich ihnen den Ehrentitel Märtyrer beilegen zu dürfen. Sie wurden verhaftet in Ausübung ihres priesterlichen Amtes, im Kampfe gegen ein neues Heidentum, gegen eine Welt ohne Gott. Sie starben eines Todes, der von jenen gottlosen Menschen beabsichtigt war. Von vielen Märtyrern heißt es im Martyrologium: ,,aerumnis confecti - an Mangel und Elend gestorben.“ Gewiss, die Märtyrer von Dachau wurden nicht vor die Wahl gestellt zwischen Abfall und Tod. Aber wurde der heilige Kilian von den Schergen der Geilana gefragt, ob er abfallen wolle oder nicht, wurde der heilige Bonifatius gefragt?

Es kommt uns Menschen unverständlich vor, wie Gott - menschlich gesprochen - so hart sein und solch heiße Gebete nicht erhören kann. In der Ewigkeit, wenn alle Schleier fallen, werden wir es einsehen, dass diese Märtyrer nicht Härte von ihrem himmlischen Vater empfingen, sondern höchste Gnade. Vertrauen wir dem Heilandswort! Ein guter Vater kann seinem Kinde keinen Stein geben, wenn es um Brot bittet. Unsere Hauptsorge wird bleiben, dass wir Kinder Gottes sind. Jedes unserer Gebete wird dann von Gott erhört, aber so wie seine Vorsehung plant, nicht wie unser kurzer Menschenverstand bittet.

Den Sterbenden war es damals nicht möglich, im Revier die heiligen Sakramente zu empfangen. Deshalb war es auf Block 26 bekannt gegeben und geübt, dass jeder, der sich schwer krank fühlte, die hl. Sterbesakramente in der Kapelle empfing, bevor er sich zum Arzt meldete. Es war ergreifend anzusehen, wie sich die todkranken Konfratres mit dem Aufgebot der letzten Kraft zur Kapelle schleppten und dort sitzend oder am Boden liegend die hl. Ölung empfingen.

Aus dem Buch von Pater Salesius Hess OSB.: Dachau, eine Welt ohne Gott, Nürnberg 1946


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Ein Bibelzitat: Gott der Herr: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! [Jesaja 43, 1]




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