Gedenktafel für Pfarrer Johannes Schulz

Am 16.08.1942, also vor 65 Jahren, starb der Nickenicher Pfarrer Johannes Schulz im KZ Dachau den Hungertod. Deshalb hat der Pfarrgemeinderat der Pfarrei St. Arnulf in Nickenich beschlossen, eine Gedenktafel für Pfarrer Schulz an Kirmes in der Pfarrkirche anzubringen. Wer war Pfarrer Schulz?

Pfarrer Johannes Schulz, geboren am 03. April 1884 in Luisenthal im Saarland, wurde am 12. August 1911 im Trierer Dom von Bischof Felix Korum zu Priester geweiht. Von 1911 bis 1914 war er Kaplan in Lebach und in Wadgassen, im ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918 Felddivisionspfarrer und danach Kaplan in Bous. In Derlen St. Josef war von 1919 bis 1935 seine erste Stelle als Pfarrer. Am 24. Juni 1935 wurde er als Pfarrer von St Arnulf in Nickenich eingeführt. Die folgenschwere Begegnung der beiden Pfarrer Johannes Schulz und Josef Zilliken mit dem Reichsmarschall Hermann Göring im Gasthaus Waldfrieden ereignete sich am 27. Mai 1940. Beide standen nicht auf und grüßen nicht mit dem Hitlergruß als Göring die Gaststätte betrat und später wieder verlies. Noch am gleichen Abend wurden beide Pfarrer verhaftet. Zuerst waren beider Häftlinge im KZ Buchenwald, dann im KZ Sachsenhausen und zuletzt im KZ Dachau inhaftiert. Von der Sorge um seine anvertraute Herde zeugen heute noch die vielen erhaltenen Briefe von Pfarrer Schulz aus der Zeit in den Konzentrationslagern an Mitglieder der Pfarrgemeinde Nickenich und seine Angehörigen. Im KZ Dachau musste er am 19. August 1942 den Hungertod erleiden. Die Nachricht von seinem Tod erreichte seine Pfarrgemeinde in Nickenich am Kirchweihfest.

Pfarrer Schulz sah sich als Hirte seiner Herde, der verantwortlich war, dass keines seiner Schafe verloren ging. Er war mitfühlend und hilfsbereit und geradlinig, aber auch streng in seinen Forderungen an sich selbst und an seine Pfarrgemeinde. In seiner christlichen Überzeugung war er unbeugsam und in seiner Amtsführung zu keinen Zugeständnissen bereit. So war er auch vielen unbequem. So blieb es nicht aus, dass er gegen den Nationalsozialismus Stellung bezog. Er bezeichnete ihn als das neue Heidentum und war überzeugt, dass der nächste Krieg mit dem Nationalsozialismus kommt. Es konnte es nicht lange dauern, bis er bei der damaligen Obrigkeit auffiel. Der letzte entscheidende Punkt war dann die Verweigerung des Hitlergrußes. Als bekennender Christ ist er für seine Überzeugung ein Opfer des Nationalsozialismus, der für seinen Widerstand mit dem Leben bezahlt hat.

Warum musste Pfarrer Schulz wegen dieses an sich banalen Anlasses in Waldfrieden so viel leiden?

Erst nach über 60 Jahren konnte diese Frage, wie es genau zu der Verhaftung der beiden Pfarrer kam, beantwortet werden. Und zwar lieferten Verhörprotokolle des russischen Geheimdienstes, der nach dem 2. Weltkrieg drei Jahre lang den persönlichen Adjutanten Otto Günsche und den Kammerdiener Heinz Linge im Auftrag Stalins verhörten, um über die genauen Umstände des Todes von Adolf Hitler zu erfahren, Informationen über die Hintergründe der Verhaftung von beiden Pfarrern. Das Dossier, jahrzehntelang unter Verschluss, wurde vor kurzem geöffnet und ins Deutsche übersetzt.

Eine Passage darin berichtet über ein Treffen Hitlers mit Göring – es war nach seiner Rückkehr von einem Frontbesuch im nördlichen Frankreich im Juni 1940 -, beide waren in Hochstimmung. Beim Warten auf den Wagen vor dem Unterstand schilderte Göring Hitler sein jüngstes Abenteuer.

„Einige Tage zuvor war ich in einem Lokal am Rhein gewesen. Alle Gäste sind aufgestanden und haben gegrüßt, nur zwei katholische Priester nicht. Denen habe ich es aber gezeigt. Ich habe sie ins KZ geschickt“ sagte Göring lachend. „Und habe befohlen, dort eine Stange mit einer alten Mütze von mir aufzustellen. Jetzt müssen sie jeden Tag daran vorbeimarschieren und den nationalistischen Gruß üben.“

Unzweifelhaft handelt es sich bei den Pfarrern um Schulz und Zilliken. Gerade die Grußübung schildert auch ein Mithäftling der Pfarrer im KZ Buchenwald, Pater Sales Hess OSB.

Die zitierte Passage, innerhalb der ganzen Protokolle nur eine Randnotiz, ist gleichwohl ein eindrucksvolles Dokument. Es belegt, dass tatsächlich Göring selbst Initiator der Verhaftung der beiden Pfarrer war. Es belegt zugleich die Hybris und Skrupellosigkeit eines Mannes, der das Nichtgrüßen als Majestätsbeleidigung ansah, der aus gekränkter Eitelkeit heraus einen Racheakt unternahm und sich dessen noch rühmte.

Warum wurde auf der Gedenktafel gerade diese Inschrift gewählt?

Am 07. März 2003 wurde die Urne von Pfarrer Schulz im Priestergrab in Elm-Derlen, das sich auf dem Pfarrer- Johannes-Schulz-Platz befindet, durch Bischof Dr. Reinhard Marx beigesetzt. Hier ein Auszug aus der Predigt unseres Bischofs während des Pontifikalamtes vor der Beisetzung, die alles über diesen Glaubenszeugen aussagt:

Der Anlass für seine Verhaftung war eigentlich banal, den Reichsmarschall nicht zu grüßen. Einen Reichsmarschall nicht zu grüßen, das war damals ein Akt des Widerstandes, ein Akt der Verweigerung aber dennoch ein banaler Anlass. Sein Leben war schon vorher gekennzeichnet von Distanz zum Regime, wie es bei der Mehrheit der Katholischen Priester und Gläubigen selbstverständlich war. Da war Johannes Schulz einer von vielen, die sich dem Regime innerlich verweigert haben. Davon kann die Geschichtswissenschaft Zeugnis ablegen, dass gerade in den katholischen Bevölkerungsteilen die meisten in Distanz zum Nationalsozialismus standen.

Mit dem banalen Anlass, dass sich der Reichsmarschall Hermann Göring in seiner Ehre gekränkt fühlte, weil zwei Priester nicht aufstehen und den Hitlergruß machten, damit beginnt eigentlich der Weg von Johannes Schulz in die Konzentrationslager, zuletzt in Dachau. Wir haben ja die Zeugen, die uns berichtet haben, wie er das schreckliche Verhungern, ein elendes Umkommen, verwandelt hat durch sein eigenes Glaubenszeugnis, dadurch, dass er das, was ihm von einer bösen Gewalt aufgedrängt wurde, verwandelt hat durch die hingebende Liebe, indem er sich für seine Herde geopfert hat:

Ich sterbe für meine Gemeinde,
damit alle gerettet werden für die Ewigkeit.


Das ist die Gesinnung des christlichen Märtyrers. Das verändert alles. Das stellt alles in ein neues Licht. Das dürfen wir, liebe Schwestern und Brüder, bei diesem Glaubenszeugen bekennen, weil wir Zeugen haben, die mit ihm im Konzentrationslager waren. Nicht der äußere Umstand seines Todes, sondern wie er diesen Tod gedeutet und gestaltet hat. Das macht ihn zu einem Glaubenszeugen. Das macht ihn zu einem, der uns auch heute helfen kann, unseren Glauben zu leben, und der deutlich macht, was eigentlich der Sinn des christlichen Leidens ist, die Verwandlung zur Liebe für andere.

Sein Leiden kann Frucht bringen für seine Herde, der er als Priester vorgestanden hat; so hat er es gesehen. Sein Leiden kann Frucht bringen für Nickenich. Die Gemeinde der Gläubigen von Nickenich wird das hoffentlich nicht vergessen Die Kirche wird ihn nicht vergessen und gemeinsam mit ihm in die Zukunft gehen.

Auf Anregung von Papst Johannes Paul II wurde für das heilige Jahr 2000 ein Martyrologium des 20. Jahrhunderts erstellt. In diesem Werk sind auch die beiden Pfarrer Johannes Schulz und Josef Zilliken eingetragen worden.

Bereits 1954 wurde auf private Initiative an der Außenwand der Pfarrkirche in Nickenich eine Gedenktafel für Pfarrer Schulz und den anderen verstorbenen Pfarrern, die im 20. Jahrhundert in Nickenich wirkten, angebracht.

Die Zivilgemeinde ließ einen Gedenkstein mit der Aufschrift:„DEN Opfern DER GEWALTHERRSCHAFT“ neben dem Kriegerdenkmal aufstellen.

Die Pfarrgemeinde gedenkt seit einigen Jahren im Festhochamt am Kirchweihfest des Pfarrers Johannes Schulz, denn an Kirmes 1942 kam die Todesnacht nach Nickenich.

Jetzt wird noch zum 65. Todestag von Pfarrer Johannes Schulz auf Initiative des Pfarrgemeinderates eine Gedenktafel im Inneren der Pfarrkirche angebracht. Mit ihr wird noch einmal an Pfarrer Johannes Schulz erinnert und damit stellvertretend auch an alle Nickenicher Opfer des NS Regimes. Im Festhochamt an Kirmes ist die Einsegnung der Gedenktafel für Pfarrer Schulz.

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St. Arnulf Nickenich   Bilder aus Nickenich